Kapstadts Umwelt- und Recycling-Strategien
- Ida Katnic
- 24. März 2021
- 8 Min. Lesezeit
Kapstadt setzt auf verschiedene Mülltrennungs-Systeme und will damit auch sein Abwasserproblem in den Griff kriegen.
Als der Marine- und Unterwasserfotograf Jean Tresfon im Jahr 2015 bei einem seiner Forschungsflüge über die Strände Kapstadts flog, machte er eine grausige Entdeckung. Er sah eine fünf Kilometer lange Abwasserfahne und wusste sofort, dass bedeutet nichts Gutes. Dieser dunkle Fleck entstand durch das Abwasser, dass von einer der Kläranlage ins Meer gepumpt wurde. Er war nur wenige Meter von der Küste entfernt. Jean Tresfon machte von einem Kleinflugzeug aus Aufnahmen und postet sie anschließend auf verschiedenen Social-Media-Kanälen. Damit löste der Fotograf binnen weniger Tage eine riesige Welle der Entrüstung aus. Die Presse nahm sich mit Schlagzeilen wie „50 million litres of raw sewage dumped daily into ocean at Cape Town“ („50 Millionen Liter Rohabwasser werden täglich bei Kapstadt ins Meer gekippt“) und „Exclusive: Something stinks in Cape Town´s surf“ („Exklusiv: Etwas stinkt in Kapstadts Brandung“) der Abwasserproblematik an.
Wir haben mit Experten gesprochen und stellen die Initiative „Clean Oceans“ vor. Mit den finanziellen Mitteln aus diesem Projekt sollen die Kläranlagen in Kapstadt in den nächsten Jahren saniert werden. Und wir haben uns andere Mülllösungen und Recyclingprojekte angesehen.
Bestandsaufnahme der aktuellen Situation
In Kapstadt gibt es insgesamt 23 Kläranlagen und drei sogenannte Meeresabläufe. Also Stellen, von wo aus das Wasser direkt in den Atlantik geleitet wird. Die
Anlagen wurden allerdings schon länger nicht saniert. Sie filtern das Abwasser, dass aus Privathaushalten, Büros und Krankenhäusern kommt, nur grob von großen Plastikgegenständen und leiten den Rest in den Atlantik. Im Wasser selbst bleiben so Rückstände von Fäkalien, Reinigungsmitteln und Medikamenten, die die Wasserqualität erheblich verschlechtern und bei Mensch und Tier zu erheblichen gesundheitlichen Folgen führen können. Langfristig, sind sich Forscher sicher, zerstören sie das Ökosystem des Meeres und dass obwohl Kapstadt sich als Motto die „Blaue Fahne“ auf die Agenda geschrieben hat. Die „Blaue Fahne“ steht als eine Art Gütesigel für die Sauberkeit des Wassers und der Strände, doch die Realität sieht leider ganz anders aus. Was 2015 nämlich nach den Posts von Jean Tresfon herauskam war, dass Kapstadt täglich fast 50 Millionen Liter Rohr- und Grauwasser knapp zwei Kilometer vor der Küste in den Atlantik gepumpt, unter anderem an den Kläranlagen in Green Point, Hout Bay und Camps Bay.

Baden an den Stränden Kapstadts

Die Gruppenleiterin im Fachbereich Chemie an der Universität am Western Cape, Prof. Leslie Petrik, beschäftigt sich mit dem Problem des Abwassers seit Jahren.
Vom Baden an einigen Stränden in Kapstadt würde sie aufgrund der toxischen Belastung des Wassers abraten.
Sie sagt, dass sie niemals in Milnerton, Green Point und Sea Point ins Wasser gehen würde und dass zum Beispiel der Monwabisi Strand besonders verunreinigt sei.
Milnerton, Green Point, Sea Point und der Monwabisi Strand seien besonders verunreinigt
"Man erkennt die Verunreinigungen des Wassers am schmutzigen Schaum, trübem Wasser, Geruch und an stellenweise an der Oberfläche schwimmenden Fäkalien. Hier herrscht eine hohe bakterielle Belastung“, erklärt sie.
Wenn es nicht besser werde, sieht die Expertin, die Zerstörung der Meeresumwelt voraus. Daher sagt sie, müssen dringend Lösungen her. Es müssen Budget für die Verbesserung der Abwasseraufbereitungsanlagen zur Verfügung gestellt werden, die Standards verbessern und deren Überwachung sichergestellt werden.
Marode und in die Jahre gekommene Kläranlagen
Die Seniorprofessorin am Fachbereich Chemie an der University of the Western Cape,
Dr. Jo Barnes forscht seit 1998 über die Wasserverschmutzung der Flüsse und Meere in Südafrika.

Das Problem der Abwasserentsorgung sei laut ihren Recherchen nicht erst seit den Aufnahmen von Jean Tresfon von 2015 bekannt.
Die Verschmutzung gebe es bereits seit rund einem Jahrhundert. Dr. Barnes hat in den letzte zwei Jahrzehnten die Schäden an der Wasserumwelt aufgrund der Abwasserentsorgung bewertet und jeden Monat die wichtigsten Flusssysteme in der Gegend überwacht, um die Verschmutzung, die aus den städtischen Gebieten kommt, im Auge zu behalten.
„Es gibt keine ernsthaften Bemühungen, die vielen Megaliter Abwasser, die rund um Kapstadt ins Meer entsorgt werden, zu beseitigen“, sagt die Expertin.
Es gibt vier Abwassereinleitungsstellen in Kapstadt, in denen das unbehandelte Abwasser ins Meer gepumpt wird. Obwohl diese Stellen abseits der Strände liegen, wird das Wasser durch die Strömung und die Winde, die vom offenen Meer Richtung Küste wehen, zurück an die Strände geweht.
Aber diese Abwasserkanäle sind bei weitem nicht die einzige Quelle für Abwässer, die in die Meeresgewässer gelangen. Viele informelle oder arme Siedlungen rund um die Stadt verfügen über keine ordnungsgemäßen Abwassersysteme und die Bewohner entsorgen die Abwässer in ihre unmittelbare Umgebung, von wo aus sie in die Flusssysteme gelangen, die sie wiederum in das gleiche Meer ableiten“, erzählt sie. Und sie sagte, dass das Problem noch wachsen werde, da die Bevölkerung Kapstadts stetig wachse.
„Die formalen Abwassersysteme können diesem Wachstum nicht Schritt halten oder sind sogar an einigen Stellen aufgrund von schlechter Wartung, zu geringen Budgets und schlechter Planung baufällig“, fügt sie hinzu.
Folgen für Mensch und Tier
Durch die Entsorgung des verschmutzten Wassers können Krankheiten entstehen, an denen die Menschen, die im Gebiet des Abwassereinlaufs, leiden. „Die wichtigste ist die Durchfallerkrankung, die durch eine Reihe von Krankheitserregern verursacht wird. Angesichts der hohen HIV/AIDS-Prävalenz und der vielen Einwohner, die an Unterernährung und Tuberkulose leiden, ist Durchfall eine potenziell tödliche Krankheit dort. Weitere Infektionen beim Menschen sind Haut-, Ohren- und Augeninfektionen, Harnwegsinfektionen, Hepatitis und Darmparasiten“, sagt sie.
Weiter sagt Dr. Barnes, dass die Verschmutzung des Ozeans Risiken birgt, wie die Anreichung von Schwermetalle und Konservierungsstoffe. Die Folgen für den Men-schen und andere Lebewesen in den Ozeanen für die Zukunft sei längst nicht klar.
Stellungnahme der Stadt zur Wasserproblematik
Das Ministerium für Wasser und Abfall der Stadt Kapstadt, rudert zurück und weist die Vorwürfe zurück. Die Sprecherin Tarryn Rinkwest erklärt, dass Kapstadt die
geforderten 80% der gesetzlichen Standards bei der Reinigung des Abwassers einhalte. Dies entspreche dem von der Regulierungsbehörde, dem „National Department of Water and Sanitation“ gesetzten Ziel. Weiter sagt sie, dass sich Kapstadt zum Ziel gesetzt haben, bis 2040, eine sensibilisierte Stadt in Punkto Wasserqualität zu werden. Die hätte die Investitionen in die Abwasserbehandlung und Entsorgung daher für die kommenden zehn Jahre um 100% erhöht.
„Normale Haushaltschemikalien wie Seife und Waschmittel werden in den
biologischen Klärprozessen, die den Großteil des städtischen Abwassers ausmachen, entfernt“, sagt sie.
Kontrolle der Wasserqualität
Die Sprecherin Tarryn Rinkwest versichert, dass die Stadt das Küstenwasser auf verschiedene Weise regelmäßig nach seiner Qualität überwache. „Unsere wissen-schaftlichen Dienste nehmen zweimal im Monat Küstenwasserproben an 99 ver-schiedenen Stellen unserer 307 km langen Küstenlinie. Jede Probe wird auf die Anzahl der E. Coli- und Enterokokken-Bakterien pro 100 ml analysiert“, erzählt sie.
„Die Stadt legt großen Wert darauf, das Bewusstsein für die Auswirkungen von Müll und Verstopfung der Abwasserkanäle durch Fremdkörper zu schärfen“, sagt sie.
Die Strände werden regelmäßig gereinigt, um das Blaue-Flagge-Gütesiegel zu
erhalten, dass an zehn Ständen der Stadt besteht. Das sind im Moment Bikini Beach
die Bucht von Camps Bay, Clifton, Fish Hoek, Llandudno, Melkbosstrand, Mnandi, Muizenberg, Strandfontein und Silwerstroom. Um das zu erhalten, müssen internationale Standards bezüglich der Sauberkeit des Strandes, des Umweltmanagements, der Sicherheit und der Wasserqualität gegeben sein.
Dr. Jo Barnes ist skeptisch bei solchen Aussagen und hält daran fest, dass das Ab-wasserproblem noch lange nicht beseitigt ist, auch, wenn sich inzwischen was tut.
Das Blaue-Flagge-Gütesiegel besteht an zehn Stränden.
Abhilfe in Sicht: Sanierung der Kläranlagen durch die „Clean Oceans-Initiative“
Im Oktober 2018 hat die KfW-Bank zusammen mit der Europäischen Investitions-bank (EIB) und der französischen Entwicklungsagentur AFD die „Clean Oceans
Initiative“ (COI) gegründet. Wie der Name schon sagt, geht es darum, weltweit die Ozeane sauberer zu machen. Derzeit werden 21 Projekte in Schwellen- und
Entwicklungsländern weltweit finanziell unterstützt. Neben dem Abwasserprojekt in Südafrika, unter anderem auch Projekte in Sri Lanka, Ägypten oder China. Die
Investoren wollen bis zum Jahr 2023 rund 2 Milliarden Euro in Projekte zur
Reduzierung des Plastikmülls in den Weltmeeren zu investieren. Im Rahmen dieses Initiative bekommt Kapstadt rund 80 Millionen Euro für die Erweiterung und Reha-bilitierung der existierenden Kläranlagen zur Verfügung gestellt. Das Projekt soll bis 2024 abgeschlossen werden. Das KfW, so die stellvertretende Pressesprecherin Dr. Charis Pöthig, stehe im engen Austausch mit den Projektträgern vor Ort. Sie werde per Video- und Telefonkonferenz regelmäßig über den Projektstand informiert.

„Die Hauptziele dieses Projektes liegen in der Förderung einer energieeffizienten sowie ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Abwasserentsorgung Kapstadts“, sagt Dr. Charis Pöthig.
Weltmeere ertrinken in Bergen von Plastikmüll
Aber nicht nur das dreckige Wasser kann sich negativ auf das Ökosystem Meer auswirken, sondern auch die Plastikreste. Der Forscher Professor Peter Ryan ist Direktor des FitzPatrick-Instituts für afrikanische Ornithologie und beschäftigt sich seit 1984 mit der Auswirkung des Plastikverzehrs auf Seevögel.

„Die Massenproduktion von Kunststoffen begann in den 1950er Jahren, und seither produzieren wir jedes Jahr mehr und mehr, derzeit über 300 Millionen Tonnen pro Jahr. Fast die Hälfte davon sind Einwegartikel mit kurzer Lebensdauer“, sagt er.
Der Forscher sieht in den Bergen von Plastik ein großes Problem für die Umwelt. Der Mensch müsse die Stände vom Müll befreien und eine Menge Ressourcen aufwenden, um sich dort wieder zu fühlen. Darüber hinaus, könne Plastik Boote und Schiffe beschädigen, Wassereinläufe blockieren und zu Überschwemmungen füh-ren, sich in Netzen von Fischern verfangen und die Nahrung von Tieren vergiften. Die Fische, die wir dann wiederrum essen, könnten Rückstände davon aufweisen.
„Es gibt keine schnelle Lösung für das Müllproblem, sonst hätten wir es längst gelöst. Die Herausforderung besteht darin, dass Verhalten der Menschen zu ändern, sie aufzuklären und Anreize zu schaffen, zum Beispiel durch Pfandsysteme, ihr Handeln zu ändern oder Strafen bei Missachtung einzuführen“, sagt Prof. Ryan.
Die Herausforderung besteht darin, dass Verhalten der Menschen zu ändern.
„Wir haben eine höhere Kunststoff-Recyclingrate als viele europäische Länder, aber die meiste Sortierung wird von informellen Müllsammlern auf Mülldeponien durchgeführt. Dazu kommt, dass die Hälfte aller Südafrikaner keine grundlegende Müllab-fuhr hat, geschweige denn die Möglichkeit, sortierten Abfall zu sammeln“, so Ryan.
Zero Waste-Initiativen und Recycling-Kampagnen wachen
Um die Berge von Müll und vor allem von Plastik, der nicht abgebaut oder wieder-verwertet werden kann zu minimieren und der Umwelt was Gutes zu tun, setzen verschiedene Initiativen seit Jahren schon auf die Vermeidung von Müll. So gibt es zum Beispiel Unverpackt-Läden, in denen Produkten aus Holz statt aus Plastik angeboten werden, wie Zahnbürsten, Strohhalmen und Schalen. Und Lebensmittel können dort ohne Plastikverpackung gekauft werden. Immer stärker nimmt auch der Aspekt der Mülltrennung und des Recyclings von Papier und Glas zu.

Die Deutsche Alex Radlinger, die vor 15 Jahren nach Kapstadt gezogen ist, betreibt die Facebook und Intagram-Seite „Zero Waste Journey Cape Town.“
Sie versucht, ihr Leben so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten und teilt ihre Erfahrungen mit Fotos.
Sie sammelt beispielsweise vom Strand auf und zeigt auf @zerowastejourneycapetown, was sie findet und was nicht an den Strand gehört. „Ich habe vor Jahren begonnen, den Strand während meiner Spaziergänge mit den Hunden von Plastikmüll zu befreien. Es wurde einfach zur Gewohnheit“, erzählt sie.
Wenn es um Recycling gehe, sagt Radlinger, habe sie das Gefühl, dass das Bewusstsein dafür, sowie die Möglichkeiten, in den letzten Jahren enorm gestiegen seien. Sie sagt auch, dass es eine zunehmend wachsende ZW-Bewegung in Kapstadt gebe, zum Beispiel durch plastikfreie Läden, wie Nude Foods und Recycling-Unternehmen.
Recycling auf dem Vormarsch
Vor einigen Jahren ist die „Think Twice“-Recycling-Initiative“ ins Leben gerufen worden. Die Firma „Mandla Recycling“ holt regelmäßig recyclebare Plastikabfälle aus den Haushalten ab, damit sie nicht einfach achtlos weggeschmissen werden. Damit auch das Glas nicht einfach im Hausmüll landet, wird es von der „Glass
Recycling Company“ (TGRC) aus den über 400 Glascontainern abgeholt, die inzwischen in ganz Kapstadt aufgestellt sind. Pro Monat kommen so ungefähr 80 Tonnen Glas zusammen. Aus dem Glas werden dann neue Glasbehälter-
verpackungen hergestellt. Und wer sein altes Papier und Dokumente vernichten lassen möchte, kann sich an „ShredMaster“ wenden. Das Unternehmen holt alte Zeitungen, Bücher und Magazine ab und lässt den Papierabfall recyceln.
Unverpackt-Läden in Kapstadt
Inzwischen gibt es auch in Kapstadt wie in Deutschland, einige Unverpackt-Geschäfte, die völlig auf Plastikverpackungen verzichten und die ZW-Bewegung unterstützen. Dazu gehört zum Beispiel „Nude Foods“ mit zwei Läden in Kapstadt.
Heißer Tipp: Darüber hinaus, gibt in Kapstadt noch viel mehr Initiativen, die sich gegen Müll im Meer einsetzen, wie z.B. „Surfers against Sewage“ oder „Beach cleanups Muizenberg.“ Auch Festivals wie „Green Pop“ haben den Bildungs-anspruch und klären über Mikroplastik auf. Wichtig ist, dass wir alle mitmachen. Feuchttücher, Einwegplastik und Kosmetik mit Mikroplastik sollte generell vermieden werden, denn das belastet unsere Weltmeere.
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